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Er verkörpert Geschicklichkeit und Intelligenz wie kaum ein anderes Tier und steht dennoch oft im Ruf, einer der größten Schädlinge zu sein: der Waschbär. Was aber stimmt denn nun?

Waschbär-Experte Dr. Ulf Hohmann / Foto: U. Hohmann

Die Sache mit der Geschicklichkeit stimmt auf jeden Fall. Und die mit der Intelligenz sehr wahrscheinlich auch. Zwar kann man auch Waschbären nicht ins Köpfchen gucken, und Wildtiere Intelligenztests zu unterziehen, ist äußerst schwierig. Waschbären sind jedoch sehr anpassungsfähig, sie lernen schnell, erinnern sich über lange Zeit an kleinste Details und zeigen sich in ihrem Verhalten außerordentlich flexibel. Das spricht dafür, dass sie sich echte Gedanken machen und nicht nur aus einem Pool „genetisch fixierter Instinkthandlungen“ schöpfen. Zweibeiner hingegen tun sich mit dem Nachdenken manchmal schwer, gerade in Bezug auf den Waschbären. So findet sich noch heute vielerorts die Mär, dass der Waschbär Wasch-Bär hieße, weil er seine Nahrung wasche. Das jedoch ist blanker Unfug, wie der Verhaltensforscher und Waschbär-Experte Dr. Ulf Hohmann (Foto) betont. Er hat die Tiere jahrelang intensiv erforscht – und so manche Offenbarung erlebt.

Vom Waschbär zum „Tastbär“

„Wer Waschbären beobachtet, kommt schnell auf die Idee, dass die Tiere ihre Nahrung ‚waschen‘, weil sie zur Nahrungssuche häufig im Flachwasser am Ufer von Tümpeln, Bachläufen oder Seen unterwegs sind“, sagt Ulf Hohmann. „Tatsächlich aber waschen sie dort nichts. Sie tasten vielmehr im Wasser herum und erfühlen, was fressbar ist und was nicht, vom winzigen Bachflohkrebs bis hin zum unvorsichtigen Frosch. Um ihr Futter unter Wasser aufzuspüren, setzen sie weder die Nase noch die Augen ein, sondern ausschließlich ihre Hände.“ Das ist so ähnlich wie tastenderweise heruntergefallene Kontaktlinsen zu suchen. „Die Hände des Waschbären sind mindestens genauso empfindsam wie die des Menschen“, so der Verhaltensforscher. „Eigentlich müsste der Waschbär deshalb ‚Tastbär‘ heißen. Außerhalb des Wassers können Geruch oder Gehör zum ‚Leitsinn‘ werden. Die Augen eigentlich nie.“

Es ist jedoch nicht nur „tierische Wasserkost“ nebst Würmern, Schnecken, Mäusen und Käfern, die Waschbären schmeckt. Auch Pflanzliches steht hoch im Kurs, vor allem ab dem Sommer und im Herbst. Denn Speck für die Winterruhe wächst am dicksten, wenn man sich mit Kohlenhydraten vollstopft. Und die stecken vorzugsweise in süßem Obst. Feldfrüchte und Nüsse verschmäht der Waschbär aber auch nicht. Entgegen seinem Ruf ist er übrigens kein spezialisierter Nesträuber. Es ist für ihn schlichtweg viel zu aufwendig, die Bäume nach Eiern und Küken abzuklappern, weil er Käfer, Regenwürmer oder Kirschen  viel leichter bekommen kann.

Geselligkeit ist „in“

Früher glaubte man, Waschbären seien Einzelgänger. Doch auch hier ist das Gegenteil der Fall. „Waschbären sind hochsozial“, hat Ulf Hohmann festgestellt. „Das ganze Jahr über leben sie mit Artgenossen zusammen und kennen sich individuell.“ Es gibt Mutter-Kind-Verbände, Koalitionen erwachsener Männchen und lockere Gemeinschaften erwachsener Weibchen, die meistens miteinander verwandt sind. „Die nachtaktiven Bären schlafen beispielsweise über Tag gemeinsam in Baumhöhlen oder treffen sich an reichen Futterplätzen. Auch erwachsene Tiere spielen noch häufig miteinander oder gehen zusammen auf Streifzüge.“ Wer sich mal für ein paar Monate absetzt, wird nach seiner Rückkehr wieder nahtlos in die Sippschaft aufgenommen.

Warum so unbeliebt?

Hierzulande freut sich nicht jeder über die Anwesenheit des Waschbären. Denn eigentlich gehört der einstige Amerikaner nicht nach Mitteleuropa. Als sein herrliches Fell begehrt und teuer war, hat man ihn in Deutschland in der Nähe von Kassel ausgesetzt. Das ist um die 80 Jahre her. Die Brandenburger Waschbären sind Nachkommen von Gefangenschaftsflüchtlingen. „Wenn sich ‚eingeschleppte‘ Tierarten ausbreiten, besteht die Gefahr, dass sie einheimische Spezies verdrängen und sogar ausrotten“, sagt Ulf Hohmann. „Unsere bisherigen Forschungen haben jedoch ergeben, dass der Waschbär im Großen und Ganzen einfach nur zusätzlich ‚da‘ ist. Örtlich begrenzt machen wir uns dennoch Sorgen um einzelne seltene Tiere, etwa die Europäische Sumpfschildkröte oder baumbrütende Mauersegler. Ehe wir uns aber ein abschließendes Urteil bilden können, bedarf es noch weiterer Forschungen.“ Die Schäden, die der Waschbär in der Landwirtschaft verursacht, wenn er sich etwa an Mais oder milchreifem Getreide gütlich tut, sind so gering, dass sie nicht ins Gewicht fallen. Auch als Tollwutüberträger spielt der Waschbär derzeit keine Rolle.

Nicht anfüttern!

Lediglich im Hausstand des Menschen offenbart er „Vernichtungspotenzial“ – oftmals dann, wenn ihm falsch verstandene Tierliebe den Boden bereitet. „Wer glaubt, der Waschbär im Apfelbaum bräuchte Hilfe, weil er in der Natur nicht genug zu fressen findet, irrt gewaltig“, betont Ulf Hohmann. „Tatsächlich hockt der Bär im Baum, weil er nirgends leichter an Nahrung kommt. Das ist ein riesiger Unterschied. Waschbären sollten daher unter keinen Umständen gefüttert werden.“ Sind sie einmal da, wird man sie selten wieder los und wenn, dann nur mit immensem finanziellen Aufwand. Waschbärerfahrene Kammerjäger sind selten. Glaubt einer, ein paar Tiere einfach nur töten zu müssen, verschlimmert er das Problem womöglich sogar. Ulf Hohmann: „Amateurhafte Bejagung oder private Feldzüge von Einzelpersonen können bei Waschbären dazu führen, dass sie sich stärker vermehren. Am Ende hat man sich dann einen wahren ‚Bärendienst‘ erwiesen.“

Ein Waschbär als Haustier? – Besser nicht!

Schon seit Längerem werden Waschbär-Babys als niedliche Haustiere verkauft. Vom Erwerb aber kann man nur dringend abraten. Das anfänglich noch putzige und pflegeleichte Tierchen entpuppt sich bald als Mischung zwischen einem Affen und einem hochgradig erziehungsresistenten Hund, der zur Befriedigung seiner Neugier und Beschäftigungsfreude nicht davor zurückschreckt, alles kaputt zu machen, dessen er habhaft werden kann. Mit Eintritt der Geschlechtsreife wird zudem auch der freundlichste und zahmste Bär zur territorial-aggressiven Furie und landet dann allzu oft vereinsamt, verkannt und verfettet in einem öden Gehege. Bei guten 20 Jahren Lebenserwartung ist das nichts, was ein Waschbär verdient hätte.

Tipps und Tricks für eine gelungene Koexistenz zwischen Mensch und Waschbär:

  • Waschbären nicht anfüttern!
  • Haustiere nur drinnen verköstigen
  • Keine Essensreste auf den Kompost werfen
  • Fallobst aufsammeln
  • Mülltonnendeckel mit Spanngurten oder einem schweren Stein sichern
  • Gelbe Säcke erst morgens am Abholtag hinausstellen,
  • Aufstiegshilfen vom Haus entfernen – Waschbären können klettern wie Affen. Obstbäume, die ein Waschbär nicht erklettern soll, mit einer 1 Meter hohen, glatten Metallmanschette rund um den Stamm versehen
  • Einzelne Bereiche ggf. mit Stromzaun sichern
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Buchtipp:
Hohmann, Ulf, Ingo Bartussek. Der Waschbär. 200 S. 3. Aufl.
Reutlingen: Oertel & Spörer, 2011.
ISBN: 978-3-88627-319-5

 
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