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Dick und dünn, kurz und lang, groß und klein: Hunde könnten unterschiedlicher nicht sein. Kaum vorstellbar, dass sie alle auf den Wolf als einzigen Urahn zurückgehen sollen.

Die Sache erscheint klar: Wölfe, die sich mit Wölfen paaren, bringen Wölfe zur Welt. Das war so, das ist so, und das wird immer so sein. Oder vielleicht doch nicht? Das kommt darauf an, weiß die Wissenschaft heute. Denn damit Wölfe Hunde zur Welt bringen, braucht man ein paar Generationen lang nur auf ein grundsätzliches Merkmal zu selektieren: Zähmbarkeit. Dann ergibt sich alles Weitere von selbst.

Das Silberfuchs-Experiment

Dem Geheimnis kam der russische Genetiker Dimitri Konstantinovich Belyaev auf die Spur. Im Auftrag von Pelztierfarmen sollte er herausfinden, ob man zahme Silberfüchse züchten kann. Belyaev begann, nur noch „menschenfreundliche“ Tiere miteinander zu verpaaren. Das war im Jahr 1959. Schon nach vier Generationen zeigten sich zwei Prozent der nachgezüchteten Füchse gegenüber Menschen völlig angstfrei und begrüßten sie schwanzwedelnd. Nach zehn Generationen waren es schon 18 Prozent, nach 30 Generationen fast die Hälfte. Heute gelten die Silberfüchse der Zuchtstation als domestiziert: Nahezu alle geborenen Welpen erben das Verhaltensmerkmal „Zähmbarkeit“. Belyaevs Arbeit wird übrigens von der Wissenschaftlerin Lyudmila Trut fortgesetzt.

Die Ausprägung äußerlicher Eigenheiten

Schon bald nachdem mit den ersten zahmen Silberfüchsen weitergezüchtet wurde, tat sich Erstaunliches: Es kamen gehäuft gescheckte Füchse zur Welt, ähnlich wie Border Collies. Als nächstes traten Schlappohren und Ringelruten auf. Die Füchse begannen zu bellen. Ihre Köpfe wurden flacher, die Schnauzen kürzer. Nach 20 Generationen gab es die ersten Stummelschwänze und Dackelbeine. Auch Vor- und Rückbisse wurden beobachtet, „Mops- und Boxerschnauzen“ also. Lediglich die Körpergröße der Füchse blieb konstant. Doch Füchse sind diesbezüglich auch nicht so variabel wie Wölfe. In einer Wolfsfamilie können Tiere vorkommen, die gut doppelt so groß sind wie Bruder oder Schwester, Mutter oder Onkel. Je nachdem, was man zuchttechnisch bevorzugt, kann man zum Chihuahua ebenso kommen wie zum Irischen Wolfshund.

Fragen über Fragen

Es gibt verschiedene Theorien darüber, wie die Menschen von einst zu ihren ersten zahmen Wölfen gekommen sind. Wissenschaftler gehen davon aus, dass zutraulichere Wölfe von sich aus die Nähe der Menschen suchten und allmählich mit den Zweibeinern „zusammenwuchsen“. Denkbar ist auch, dass die Menschen verwaiste Wolfswelpen aus Mitleid und der Freude am „Betütteln“ adoptierten, wie der berühmte Wolfsforscher Erik Zimen meinte. Denn zahme Wölfe eignen sich weder zum Schlittenziehen, noch als Jagdgehilfen oder zur Bewachung. Sie können nur eines gut, wie Zimen feststellte: Spielgefährten kleiner Kinder sein. Von den vielen zahmen Wölfen des Forschers blieb allerdings nur ein einziger lebenslang an Zimen und seine Familie gebunden. Alle anderen wandten sich nach der Pubertät wieder ihren Artgenossen zu. Das ist auch der Grund, warum sich Wölfe nicht als Haustiere eignen: Wie bei Belyaevs Silberfüchsen bringt zu Beginn einer Domestikation nur ein sehr kleiner Teil von Wildtieren überhaupt die Fähigkeit mit, zahm zu werden. Nur dieser kleine Teil wird dauerhaft die menschliche Gesellschaft suchen und genießen. In Bezug auf die Un(be)zähmbaren heißt es für uns Menschen, einen anderen Platz freizuhalten: Einen Platz in einer intakten Natur.

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