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Sowohl als auch, lautet die Antwort. Während beim Stehen der leichte Schlaf und entspanntes Dösen vorherrschen, kann der Tiefschlaf nur erfolgen, wenn die Tiere genügend Platz und Geborgenheit vorfinden, um liegend alle viere von sich zu strecken.

Pferde sind Fluchttiere. Ihr Körperbau und ihr Verhalten sind darauf ausgerichtet immer in der Lage zu sein, die Flucht nach vorne anzutreten. Und das von Beginn an: Neugeborene Fohlen beginnen spätestens 30 Minuten nach der Geburt mit ihren wackeligen Aufstehversuchen und können innerhalb von wenigen Stunden sicher laufen.

Der fein abgestimmte Bewegungsapparat ermöglicht sowohl ausdauernde Marathonläufe als auch kurzfristige Sprinteinlagen sowie präzise Sprünge über Hindernisse und Gräben. Und: Er ermöglicht ein Nickerchen im aufrechten Stand. Da ist natürlich von Vorteil, wenn man stundenlang stehen kann. Pferde können das hervorragend – mit einem minimalen Einsatz von Muskelkraft.

Warum ist das so?

Für uns Menschen ist Stehen anstrengend. Während des Stehens müssen wir uns immer wieder bewegen und nach relativ kurzer Zeit spüren wir das Bedürfnis, uns zu setzen. Beim Stehen halten unsere Muskeln die Gelenke in Position, machen aber durch die Dauerbelastung schnell schlapp. An und für sich hätte das Pferd die gleichen Ermüdungserscheinungen. Doch es kann die Gelenke über Sehnen und Bänder in einer geeigneten Winkelstellung fixieren und ist daher weitgehend unabhängig von den ermüdbaren Muskeln. Dieses Phänomen wird „passive Stehvorrichtung“ genannt.

Sie existiert sowohl an den Vorder- als auch an den Hintergliedmaßen. Bei längerem Stehen belastet das Pferd gleichmäßig beide Schultergliedmaßen, wechselt jedoch regelmäßig die Belastung der Hinterbeine, so dass nach einigen Minuten immer wieder das Standbein getauscht wird.

Fällt das Pferd während des Stehens dann in den Schlaf, sind die Augenlider der Tiere meist halb geschlossen, Hals und Kopf hängen tief herab. Doch die dösige Ruhe täuscht: Der Fluchtinstinkt bleibt allzeit wach.

Hinlegen und aufstehen – ein enormer Aufwand für ein Pferd

Der Weg in die Liegeposition sieht bei einem Pferd ziemlich mühsam aus. Zu Beginn knicken die Vorderbeine leicht ein, dann geht das Tier langsam herunter und legt erst die Vorderhand ab, gefolgt von der Hinterhand. Das Pferd liegt dann meist mit angewinkelten Beinen in Brustlage. Da das Aufstehen ähnlich beschwerlich ist, kann man sich leicht vorstellen, dass Pferde sich nur hinlegen, wenn sie sich ungestört und sicher fühlen.

Jedoch gehört diese Liegestellung zum gesunden Schlafverhalten, da sie als Vorbereitung für den Tiefschlaf unerlässlich ist. Sowohl im Stehen als auch in der Brustlage findet der sogenannte leichte Schlaf statt, der Slow-Wave Sleep (SWS).

Untersuchungen im „Schlaflabor für Pferde“ haben gezeigt, dass diese Art des Schlafens immer wieder über den Tag verteilt zu Erholung eingesetzt wird und dass diese Phase immer erst durchlaufen wird, bevor ein erwachsenes Pferd in den Tiefschlaf fällt.

Der Tiefschlaf kann nur im Liegen erfolgen

Die Tiefschlafphase wird, wie beim Menschen, als REM-Schlaf (REM: Rapid Eye Movement) bezeichnet. In dieser Schlafphase ist das Gehirn sehr aktiv und verarbeitet die Eindrücke des Tages: Dabei sind oft ein Zucken der Augenlieder, Bewegungen in den Beinen und brummende oder schnaubende Geräusche zu beobachten. Der REM- Schlaf dauert im Schnitt 5 Minuten an und wiederholt sich während der Ruhezeit mehrfach.

Da der Tiefschlaf nur bei völliger Muskelentspannung eintreten kann, ist es wichtig, dass das Pferd einen geeigneten Liegeplatz vorfindet und Platz genug hat, auf der Seite zu liegen. In der REM- Phase finden Regeneration und Erholung am effektivsten statt. Man geht davon aus, dass in dieser Phase Lernvorgänge gefestigt werden und Alltagsstress abgebaut wird.

Wie lange schläft ein Pferd eigentlich?

Ein erwachsenes Pferd benötigt pro Tag etwa 3 bis 5 Stunden Schlaf, davon die Hälfte liegend. Fohlen brauchen meistens doppelt so viel, wobei die weiblichen Fohlen einen ausgeprägten Mehrbedarf an Schlaf zu haben scheinen.

Der Schlaf findet in mehreren, über den Tag verteilten Einheiten statt, die ein oder mehrere Schlafzyklen enthalten und im Durchschnitt 30 bis 60 Minuten dauern.

Ausreichender, erholsamer Schlaf ist die Voraussetzung für ausgeglichene und lernfreudige Tiere. Pferde, die im Reitstall gehalten werden, müssen sich an den täglichen Ablauf im Stall anpassen und sollten zusätzlich zur Nachtruhe am frühen Nachmittag eine Art Mittagsruhe erhalten.

Aber: Auch kranke Pferde legen sich hin

Viele Besitzer sehen ihre Pferde selten in Liegeposition oder gar in Seitenlage schlafend. Denn diese Positionen werden nur eingenommen, wenn kein Trubel herrscht und die Pferde sich unbeobachtet fühlen. In der Herde wechseln sich die Mitglieder ab, sodass immer einige Pferde Wache halten.

Dementsprechend macht sich so mancher Besitzer Sorgen, wenn er sein Pferd liegend antrifft. Denn kranke Pferde, wie beispielsweise Koliker, legen sich gerne hin, da es ihre Schmerzen lindert. Jedoch hält die Entspannung nicht lange an, so dass schnell klar wird, ob es sich um ein Nickerchen oder eine ernsthafte Erkrankung handelt.

Umgekehrt verweigern manche Tiere das Hinlegen, weil ihnen der Schlafplatz nicht trocken und gemütlich genug ist, weil sich Wasseradern unter der Box befinden oder die Box schlichtweg zu klein ist, um sich auszustrecken. Übrigens können auch Einschränkungen im Bewegungsapparat dazu führen, dass den Tieren das Hinlegen und Aufstehen zu beschwerlich wird.

 

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