Manchmal erscheint es wie Zauberei: das „Pferdeflüstern“. Doch jeder kann es lernen, meint der Schweizer Pferdetrainer Markus Eschbach. Sein Ziel ist die perfekte Harmonie zwischen Mensch und Pferd.

Herr Eschbach, flüstert man beim Pferdeflüstern wirklich?
Im übertragenen Sinne ja. Flüstern kann man ja nicht nur mit der Stimme, sondern auch mit dem Körper. Das nennt man „analoge Kommunikation“ – man teilt sich mit, ohne Worte zu benutzen. In der Kommunikation mit Tieren spielt das eine große Rolle. Was wir mit unserem Körper „sagen“, ist für Tiere wichtiger als Worte. Tiere achten stärker darauf, weil sie uns so intuitiv verstehen. Durch unser Verhalten, unsere „Körpersprache“, offenbaren wir ihnen sozusagen das, was wir wirklich wollen, ob bewusst oder unbewusst. Probleme sind vorprogrammiert, wenn Körpersprache und verbale Sprache widersprüchliche Signale senden. Wenn zum Beispiel jemand „Geh weg!“ sagt, dabei aber einen Schritt zurückweicht. Vor diesem Hintergrund zielt das Pferdeflüstern darauf ab, sich dem Pferd ganz bewusst mit minimalen Signalen verständlich zu machen. Ganz so, wie Pferde auch untereinander kommunizieren.

Wie sieht Ihre Arbeit als Pferdeflüsterer aus?
Abwechslungsreich. Mittlerweile sind wir nicht nur in Europa, sondern international tätig – Einzelberatung, Kurse für Erwachsene und Kinder, Managerseminare, Vorträge. Ich sitze fast mehr im Flieger als auf dem Pferderücken.

Arbeiten Sie auch mit aggressiven Pferden?
Ja wir arbeiten auch mit aggressiven Pferden. Kein Pferd ist jedoch von Natur aus „bösartig“. Einem aggressiven Pferd geht es nicht gut. Es leidet. Würde es durch sein Verhalten nicht darauf aufmerksam machen, könnte man ihm und seinem Besitzer auch nicht helfen.

Wie kommt es zu Problemen in Mensch-Pferd-Beziehungen?
Die Gründe sind sehr vielfältig. Manchmal mangelt es an Wissen über das Ausdrucksverhalten und die Bedürfnisse von Pferden, manchmal ist Angst im Spiel, manchmal eine Reitausbildung, die das Pferd in erster Linie als „Sportgerät“ begreift. Bei Erwachsenen kommt häufig hinzu, dass sie zu viel nachdenken. Und dass es ihnen schwerfällt, richtig zu loben. Dem Pferd zu spät oder gar nicht zu verstehen zu geben, dass es gerade das Richtige tut oder weiter Druck ausüben, obwohl das Tier längst in der gewünschten Weise reagiert. Interessanterweise haben Kinder zuweilen weniger Probleme, weil sie intuitiver handeln, ungeduldiger und willensstärker sind.

Sie sind ein Verfechter des gebisslosen Reitens, reiten selbst oft nur mit Halsring oder komplett „ohne alles“ und zeigen auch Kindern, wie das geht. Ist das nicht gefährlich?
Leider  hören wir immer wieder, dass man das Pferd einem Zwang unterwerfen müsse, weil das Reiten sonst zu gefährlich sei. Insbesondere auch, wenn Kinder im Sattel sitzen. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Es ist gefährlich, ein Pferd zu reiten, wenn man ohne Zwang nicht auskommt. Ein solches Pferd ist noch nicht bereit dazu, jemanden auf seinem Rücken zu tragen. Ich bin überzeugt, dass man jedes gut ausgebildete Pferd gebisslos reiten kann. Dennoch ist nicht jede gebisslose Zäumung automatisch pferdeschonender. Ganz wichtig ist immer auch die Kunst der Zügelführung.

Waren Sie schon immer ein „Pferde-Mensch“?
Ganz und gar nicht. Als Kind war ich Leichtathlet. Bis ich an eine Freundin geriet, die ritt. Später kauften meine Eltern für ihre vier Pflegekinder Pferde. Mein Vater hatte gelesen, dass sich der Umgang mit Tieren heilsam auf Kinder auswirken kann. Er behielt recht. Dennoch infizierte mich der „Pferde-Virus“ erst, als ich selbst in einer Behinderteneinrichtung arbeitete, die Pferde hielt. Wie der Zufall es wollte, begegnete ich dann auch noch meinem „Traumpferd“, das mir der Besitzer während seines Auslandsaufenthaltes anvertraute. In der Beziehung zu „meinen“ Pferden fehlte bis dato aber immer etwas. Als ich dann meine Eltern besuchte, die mittlerweile in Spanien lebten, entdeckte ich in der Zeitung eine Anzeige „Gewaltfreies Reiten“. Ich buchte einen Kurs, absolvierte eine Ausbildung, traf meine Frau – und so fügte sich alles. Mein „Werdegang“ war dabei immer geprägt von der Frage „Wie schaffe ich es, mit noch weniger zu reiten?“.

Die Antwort?
Mit Einfühlungsvermögen, Verstehen, Vertrauen.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Pferdeflüstern und Horsemanship?
Horsemanship ist das Gesamtkonzept, das Kommunikation, Verhalten, Ausbildung, Nutzung und auch Haltungsbedingungen umfasst. Pferdeflüstern ist also ein Teilbereich des Horsemanships.

Letzte Frage: Was bedeuten Pferde für Sie ganz persönlich?
Was für eine „gefährliche“ Frage – da antwortet man mit „alles“ und dann lesen das Frau und Kinder. Aber Spaß beiseite: Pferde machen für mich schon einen bedeutsamen Teil meines Lebens aus. Und meiner beruflichen Ziele. Unser Konzept ist nicht nur etwas für „Freizeitreiter“. Auch der Profisport würde davon profitieren, gerade unter Tierschutzaspekten. Dass es funktioniert, beweist zum Beispiel Ingrid Klinke, die Olympiasiegerin im Vielseitigkeitsreiten.

Das Interview führte Wissenschaftsjournalistin, Ethologin und Tierverhaltenstherapeutin Judith Böhnke.

Weitere Informationen unter: www.eschbach-horsemanship.com

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