Immer wieder wird beobachtet, dass sich Tiere vor Naturkatastrophen seltsam benehmen und vorzeitig die Flucht ergreifen. Was verbirgt sich dahinter?

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Immer wieder wurde beobachtet, dass sich Tiere vor Erdbeben oder Tsunamis höchst seltsam benehmen und vorzeitig die Flucht ergreifen. Was verbirgt sich dahinter? Theorien gibt es so einige.

Der Erste, der „übersinnliche“ Fähigkeiten von Tieren schriftlich festhielt, war der griechische Geschichtsschreiber Diodor. Er berichtete, dass sich in der Stadt Helike am Golf von Korinth Ratten, Schlangen und Insekten schon Tage zuvor in Sicherheit gebracht hätten, bevor die Stadt im Jahre 373 v. Chr. nach einem Erdbeben im Meer versank.

Und derlei Beobachtungen sind keineswegs auf die ferne Vergangenheit beschränkt. In erdbebenreichen Gegenden, wie beispielsweise China, wurde bis dato immer wieder von auffälligem Verhalten der Tiere vor Erdbeben berichtet. Da flüchten Schlangen plötzlich aus ihrem Winterschlaf-Quartier und erfrieren schutzlos auf dem Eis, Hunde bellen wie verrückt, Wildvögel fliegen wild umher und Ratten verlassen ihre Verstecke am hellichten Tag gleich in Scharen.

Auch als am 26. Dezember 2004 einer der verheerendsten Tsunamis Teile Südostasiens dem Erdboden gleichmachte, geriet die Tierwelt kurz zuvor aus den Fugen. Naturverbundene, indigene Völker auf den Andamanen und Nikobaren im Indischen Ozean wussten das sonderbare Tierverhalten als üble Vorboten zu deuten und brachten sich rechtzeitig in Sicherheit. Merkwürdig auch: Obwohl der Tsunami Hunderttausende an Menschenleben forderte, fand man beispielsweise im Yala-Nationalpark in Sri Lanka kaum Tierkadaver – und das in einer Gegend, wo sich normalerweise Elefanten, Affen, Krokodile, Bären, Leoparden und zahlreiche andere Arten tummeln.

Feinere Sinne

Auch viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass Tiere in der Lage sind, Naturkatastrophen vorab zu registrieren. Endgültig bewiesen ist zwar nichts, die unterschiedlichen Theorien der Forscher leuchten aber ein. Und: Sie haben tatsächlich etwas mit „Übersinnlichkeit“ zu tun. Zumindest, wenn man die Sinne des Menschen als Maßstab anlegt. Denn die meisten Tiere haben feinere oder spezialisiertere Sinne als wir. Und mit so einer Ausstattung ist es wahrscheinlich gar kein großes Kunststück mehr, die Vorzeichen großer Naturkatastrophen zu erkennen und sich entsprechend zu verhalten.

Viele Geschichten, viele Theorien

Bei Haustieren wie Hunden, Schweinen und Rindern könnte beispielsweise der gute Geruchssinn Informationen über ein nahendes Erdbeben liefern. So halten es einige Wissenschaftler für denkbar, dass manchen Tierarten aus der Erde freigesetzte Gase, wie Radon, wittern.

Eine weitere Annahme: Da Erdbeben in der Regel Vorbeben (sogenannte Primär- oder P-Wellen) vorausgehen, sind Tiere, die sensibel genug sind, feinste Erschütterungen wahrzunehmen, natürlich schneller vorgewarnt. Elefanten zum Beispiel, Reptilien oder Spinnen. Vielleicht reicht der Bodenkontakt über Körper oder Füße schon aus, um die Morsezeichen der Erde zu empfangen. Oder es sind zusätzlich Schwingungen in der Luft, die die Sinneshaare bei einigen Tierarten vibrieren lassen.

Eine andere Vermutung ist, dass im Vorfeld von Erdbeben Schwebeteilchen in der Luft durch elektrische Ströme aus dem Erdinneren aufgeladen werden und diese positiv geladenen Ionen die Tiere in Stress geraten lassen. Elektrisch geladene Teilchen könnten auch im Wasser lebenden Tieren zusetzen. So ließe sich beispielsweise das merkwürdige Verhalten von Welsen erklären, die sich vor Erdbeben oft völlig aufgeschreckt an der Wasseroberfläche herumtreiben. Dazu muss man wissen: Welse nehmen mit speziellen Sinnesorganen selbst schwache elektrische Felder wahr. Diese Elektrorezeptoren nutzen sie normalerweise, um ihre Beutetiere zu orten. Es ist also nicht wirklich verwunderlich, wenn sie bei stärkeren elektrischen Feldern außer Rand und Band geraten.

Es liegt noch einiges im Dunkeln

Theoretisch können auch mehrere und völlig verschiede Faktoren zutreffen, die die Tiere je nach Art vor Erdbeben alarmieren. So sind zum Beispiel auch Veränderungen des Erdmagnetfelds, nach dem sich viele Tiere orientieren, im Gespräch. Um verlässliche Aussagen über das Verhalten der  Tiere machen zu können, müsste man im Grunde genommen alle Vorgänge kennen, die im Rahmen eines Erbebens oder Vulkanausbruchs im Erdinneren, Boden oder in der Atmosphäre eine Rolle spielen. Aber noch ist längst nicht alles lückenlos erforscht. Und auch die Tiere selbst geben der Forschung noch so einige Rätsel auf.

Rette sich, wer kann

Es wird in Zukunft noch spannend werden, ob es der Wissenschaft gelingt, das Verhalten der Tiere – neben seismologischen Daten – eines Tages auch als verlässliches „Frühwarnsystem“ für anstehende Erdbeben oder Tsunamis nutzbar zu machen.

Eines aber ist jetzt schon sicher: Wer in erdbebengefährdeten Regionen die Beobachtung machen sollte, dass Tiere sich plötzlich komisch aufführen oder spontan in eine bestimmte Himmelsrichtung entschwinden, sollte sich – wie die Ureinwohner im Indischen Ozean auch – lieber gleich aus dem Staub machen.

 

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