Elli Radinger hat ihren Traum verwirklicht: Sie schmiss ihren Job, um mit Tieren zu leben und avancierte zur geschätzten Wolfsforscherin.

Foto: Tanja Askani

Sie schmiss ihren Job, um mit Tieren zu leben, avancierte zur geschätzten Wolfsforscherin und pendelt für Isegrims Wohl um die halbe Welt. Elli Radinger hat ihren Lebenstraum verwirklicht.

Frau Radinger, 1983 haben Sie mit Anfang 30 Ihren sicheren Job als Rechtsanwältin aufgegeben, um sich fortan Tieren und dem Schreiben zu widmen. Wie kam es dazu?
Ich war sehr unglücklich in meinem Beruf als Anwältin und wollte mich nicht mehr nur noch mit negativen Dingen beschäftigen. Als mehrere unschöne Erlebnisse zusammentrafen, habe ich die Gelegenheit genutzt und bin ausgestiegen, um das zu tun, was ich schon immer tun wollte: Schreiben und mich mit Tieren umgeben.

Mit dem Wechsel sind Sie ein enormes Risiko eingegangen – wie haben Ihre Familie und Ihre Freunde darauf reagiert?
Die haben mich für verrückt gehalten, alles für einen Traum aufzugeben.

Wie viel Fachwissen erforderlich ist, um kompetent über Tiere schreiben zu können, wird oft unterschätzt. Wie ist die Juristin Elli Radinger zur „Wolfs-Expertin” geworden?
Mich haben Wölfe schon immer fasziniert. Nach meinem Ausstieg als Rechtsanwältin begann ich ein Ethologie-Praktikum in einem Wolfsgehege in den USA. Danach arbeitete ich mit bekannten Wolfsforschern in den USA und ging später nach Yellowstone. Mich fasziniert besonders das Sozialverhalten der Tiere, das dem unserem so ähnlich ist.

Sie haben Isegrim Ihr gesamtes Leben verschrieben, gründeten gemeinsam mit Günther Bloch die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe, geben als Chefredakteurin das einzige deutsche Fachmagazin zum Thema Wolf („Wolf-Magazin”) heraus, schreiben Bücher und reisen seit 20 Jahren mehrmals im Jahr in die USA, um im Yellowstone Nationalpark wilde Wölfe hautnah zu erforschen. Fast scheint es, als hätten Sie sich von Ihrem Ursprungsberuf gar nicht so weit entfernt, indem Sie zu einer „Anwältin der Wölfe” geworden sind. Warum sind Ihnen diese Tiere und eine gelingende Koexistenz von Mensch und Wolf ein so wichtiges Anliegen?
Wir brauchen Wölfe ebenso wie die anderen großen Beutegreifer. Wölfe sind enorm wichtig für unser Ökosystem. Mit ihrer Rückkehr verändert sich alles. Ich habe dem ein ganzes Kapitel in meinem Buch gewidmet. Wölfe leben uns vor, wie wir mit unserer Umwelt umgehen könnten und welche Vorteile wir davon hätten.

Wie sieht ein typischer Tag im Leben einer Wolfsforscherin aus?
Ich beobachte im amerikanischen Yellowstone-Nationalpark frei lebende Wölfe. Morgens fahre ich noch in der Dunkelheit los, um rechtzeitig vor Ort zu sein. Dann suche ich die Wölfe, und wenn ich sie gefunden habe, beobachte ich sie. Ich habe Funkkontakt zu den Biologen und melde meine Sichtungen oder mache mir Notizen. Wenn die Sonne untergeht, fahre ich wieder nach Hause. Das jeden Tag und bei jedem Wetter. So kann es also auch durchaus vorkommen, dass ich bei Minus 30 Grad sechs Stunden lang schlafende Wölfe beobachte.

Ihr aktuelles Buch „Wolfsküsse” richtet sich erstmals nicht nur an Fachleute und Wolfs-Fans, sondern an ein weitaus breiteres Publikum. Worum geht es genau?
In diesem Buch erzähle ich, wie ich zu den Wölfen gekommen bin und was ich von ihnen gelernt habe. Ich will aber mit diesem Buch auch alle ermutigen, die einen Traum haben, sich diesen Traum zu erfüllen, egal, wie schwer es ist und welche Steine ihnen in den Weg gelegt werden. Es lohnt sich.

Welches ist das größte Geschenk, das Ihnen die Wölfe gemacht haben?
Sie haben mich an ihrem Leben teilnehmen lassen. Durch sie durfte ich erleben, dass wir alle Teil eines Ganzen sind. Und sie haben mich die wichtigsten „Wolfsregeln“ gelehrt:

  1. Liebe deine Familie,
  2. Kümmere dich um die, die dir anvertraut sind,
  3. Gib niemals auf und
  4. Hör nie auf zu spielen und Spaß zu haben.

Nehmen Sie Ihre Hündin „Shira“ eigentlich mit, wenn Sie zu Feldforschungen in die USA reisen?
Nein. Amerika geht längst nicht so entspannt mit Hunden um wie Deutschland. Sie sind fast überall verboten. Außerdem will ich „Shira“ nicht immer die Fliegerei zumuten. Wenn ich nicht da bin, verbringt sie stets ihren „Wellness-Urlaub“ mit Rundum-Verwöhnprogramm bei meinen Eltern.

Seit einiger Zeit erobern sich Wölfe auch Deutschland zurück. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Durch die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland ist ja inzwischen ein regelrechter „Hype“ um die Tiere entstanden. Neben den Wolfsgegnern, die davon überzeug sind, dass die Wölfe die Wälder leer fressen und eine Gefahr für unsere Kinder sind, gibt es das andere Extrem derjenigen, die die Wölfe nur noch als Heilige sehen, die niemals etwas Böses tun. Ich wünsche mir, dass wir wieder ein Mittelmaß finden und die Wölfe als das sehen, was sie sind: Hoch intelligente Beutegreifer, die einfach nur ihr Leben leben wollen, so wie wir alle. Und dass wir lernen, Wölfe als natürlichen Teil unseres Lebens zu akzeptieren und damit zu leben.

Das Interview führte Wissenschaftsjournalistin, Ethologin und Tierverhaltenstherapeutin Judith Böhnke.

Nähere Informationen unter: www.elli-radinger.de und www.wolfmagazin.de

Buchtipp:

Radinger, Elli H. Wolfsküsse: Mein Leben unter Wölfen. 224 Seiten. 2. Aufl.
Berlin: Rütten & Loening, 2011.

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