Foto: Ingo-Rechenberg

Prof. Ingo Rechenberg entdeckte 2008 in der Sahara eine Spinne mit einer völlig neuen Verhaltensart: Sie kann sich rollend fortbewegen. Der renommierte Bionik-Professor war nicht rein zufällig in der Wüste: Schon von Berufs wegen lässt er sich von Spinnen, Sandskinken und Wüstenpflanzen für die Entwicklung von Technologien der Zukunft inspirieren. Ein Interview mit einem umtriebigen Forscher und begeisterten Tierfreund, den Erfindungen der Natur immer wieder zum Staunen bringen.

Herr Rechenberg, Bionik ist ja noch eine recht junge Wissenschaft. Was macht ein Bioniker eigentlich?
Er studiert die besonderen Anpassungen von Tieren und Pflanzen an extreme Lebensbedingungen und versucht, die Energiesparkonzepte der Natur in moderne Hightech-Entwicklungen zu integrieren. Ganz neu ist das allerdings nicht. Schon Leonardo da Vinci erforschte beispielsweise den Vogelflug, um Ideen für seine Flugmaschinen zu finden. Es stimmt allerdings, dass die Bionik erst seit den letzten zehn Jahren immer stärker an Bedeutung gewinnt.

Sie haben sich auf Wüstenbionik spezialisiert. Erhalten Sie Ihre Ideen eher von Pflanzen oder vorrangig von Tieren?
Von beiden gleichermaßen. Und beide beeindrucken mich gleichermaßen. Aktuell liegt ein Hauptfokus meiner Arbeit aber auf einem Tier. Einer ganz besonderen Spinne.

Die „rollende“ Spinne, die Sie 2008 selbst entdeckt haben.
Ja. Es war einer dieser tollen Zufallsfunde. Ich war nachts mit einem Scheinwerfer in der Wüste unterwegs, als ich rechts von einem Lebewesen überholt wurde. Erst dachte ich an einen Waran oder eine Springmaus, weil mir das Tier groß erschien und weil es so schnell war. Aber dann hielt es an, und ich erkannte eine Spinne, hell, etwa handtellergroß. Ich habe sie gleich eingefangen, ihrem Geheimnis kam ich aber erst kurz darauf auf die Spur: In den frühen Morgenstunden setzte ich meinen nächtlichen Fang nahe an einem Dünenrand aus. Ich dachte, von dort kann sie nicht so leicht flüchten und zückte meinen Fotoapparat. Und – schwupp – die Spinne kullerte einfach so über die Düne hinweg. Ich traute meinen Augen kaum.

Wie hat sie das gemacht?
Sie hatte ihre Beine gekrümmt, ähnlich wie Blattfedern und vollführte wahrlich „springlebendig“ einen Salto nach dem anderen. Sogar bergauf. Mittlerweile weiß ich, dass sie für diese Bewegung nur ihre beiden vorderen Beinpaare braucht. Das zweite sorgt für den Antrieb und ist dafür extra länger als die übrigen Beinpaare.

Wie kann diese Entdeckung der Radlerspinne die Menschheit in Sachen Technik weiterbringen?
In ebenem Gelände verbraucht ein „Radantrieb“ weniger Energie und ist schneller. Wo es uneben ist, sind dagegen Beine geeigneter. Dabei gibt es Orte, an denen beide Geländeformen zu finden sind. Die Wüste ist einer davon. Der Mars ein anderer. Ein „Spinnen-Roboter“, der laufen und rollen kann, könnte beispielsweise die herkömmlichen Forschungsfahrzeuge irgendwann ablösen. Denn die haben, weil nur radgetrieben, zahlreiche Nachteile. Sie graben sich zum Beispiel gerne selbst ein, haben Probleme in unebenem Gelände, verschleißen schnell und verbrauchen viel Energie. Mittlerweile haben wir übrigens schon die vierte Generation „Spinnen-Roboter“ entwickelt.

Für Ihre Forschungen verbringen Sie sicher jede Menge Zeit in der Wüste.
Mehrere Monate pro Jahr. Ich habe aber auch Tiere aus der Wüste mitgebracht, die ich zu Hause und im Institut an der Technischen Universität Berlin halte und erforsche. Neben den Spinnen etwa auch Sandfische und Sandschleichen, kleine Echsen, die förmlich durch den Sand „schwimmen“. Sie erforschen wir vor allem, um abriebfeste Oberflächen zu entwickeln. Wüstensand schleift bislang sämtliche Materialien stumpf und macht sie unbrauchbar. Nur die Haut dieser Tiere nicht. Dabei häuten sie sich äußerst selten. Erste Folienstückchen sind uns schon gelungen, aber so ganz sind wir dem Geheimnis der Sandfische und -schleichen noch nicht auf die Spur gekommen. Dafür ist eine Pumpe einsatzbereit, die wir nach dem Modell einer Wüstenpflanze entwickelt haben. Ohne bewegliche Teile produziert sie pro Tag locker 20 Liter sehr sauberes Wasser. Das zugrunde liegende Prinzip wird „Transpirationssog“ genannt. Zu Ehren der Pflanze, die lateinisch „Astragalus trigonus“ heißt, haben wir die Pumpe „Astragalus-Pumpe“ genannt.

Und welchen Namen hat die rollende Spinne bekommen?
Sie heißt „Tabacha“, das ist das Berber-Wort für „Spinne“. Der Spinnen-Roboter, der speziell nach ihr entwickelt wurde, heißt in Anlehnung „Tabbot“.

Was bedeuten Tiere eigentlich persönlich für Sie?
Als Kind sammelte ich bereits Mäuse, Eidechsen, Käfer  oder Frösche, die ich mit nach Hause nahm und dort pflegte. Ich habe sogar Zettel mit der Aufschrift „Große Tiershow bei Rechenberg“ an den Bäumen ausgehängt. Für nur 10 Groschen konnte sich jeder Interessierte meine Sammlung ansehen (lacht). Zudem besuchte ich als Kind Vorträge des Afrika-Forschers, Tierexperten und -filmers Hans Schomburgk. Das bestärkte mich schon früh in dem Wunsch, selbst Forscher zu werden und auf Expeditionen zu gehen. Kurzum: Tiere spielen in meinem Leben eine Rolle, seit ich denken kann.

Das Interview führte Wissenschaftsjournalistin, Ethologin und Tierverhaltenstherapeutin Judith Böhnke.

Linktipp:

Nähere Informationen unter www.bionik.tu-berlin.de

Videotipps:

„Bionik: Spinne mit Radantrieb“

„Tabbot – Cyclist spider robot”

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