Es ist eine Liebesgeschichte. Aber eine ganz besondere. Keine zwischen Mann und Frau. Sondern eine zwischen einem Jungen und der Wildnis. Und: Sie ist nicht erfunden.

Foto: Polyband

Es ist eine Liebesgeschichte. Aber eine ganz besondere. Keine zwischen Mann und Frau. Sondern eine zwischen einem Jungen und der Wildnis. Und: Sie ist nicht erfunden.

„Wolfskinder“ werden sie genannt, jene Kinder, die isoliert von anderen Menschen aufwachsen müssen. Kaspar Hauser ist das wohl bekannteste Beispiel dafür. Einige Wolfskinder entbehren dennoch nicht gänzlich der Fürsorge, Hilfe und Zuwendung, denn ihrer erbarmen sich Tiere. In den meisten Fällen Wölfe und Bären. Ein Fall aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts hat es jetzt ins Kino geschafft: „Wolfsbrüder“ ist die Geschichte des Marcos Rodríguez Pantoja, der 1946 in der nordspanischen Provinz Córdoba geboren wurde.

Vom Vater verkauft

Mit gerade mal sieben Jahren wird der kleine Marcos von seinem Vater an einen Großgrundbesitzer verkauft und anschließend zum Ziegenhüten in einen der entlegensten Teile der Sierra Morena geschickt. An seiner Seite ist zunächst ein alter Ziegenhirte, von dem Marcos schnell lernt, was man zum Überleben in der Wildnis braucht. Unter anderem ein zahmes Frettchen zur Kaninchenjagd. Kaum hat sich der Junge mit seiner Situation arrangiert, stirbt der Alte. Marcos steht von nun an allein dem Kampf gegen Hunger, Kälte und Einsamkeit gegenüber. Trost und Unterstützung bekommt er von dem zahmen Frettchen und später auch von einem Rudel Wölfe, mit dem er sich vorsichtig anfreundet. Zwölf Jahre lang lebt er allein in der Natur und wird zum „König des Tals“. Bis eines Tages Menschen in seinen Garten Eden einbrechen.

Doku und Spielfilm in einem

Kritiker ergötzten sich scharenweise an den fulminanten Tier- und Landschaftsbildern, die der Film auf die Leinwand bringt. Erzählt wird sehr langsam, ohne die sonst üblichen schnellen Schnitte und aktionsreichen Handlungen, die den Spannungsbogen dehnen sollen. „Wolfsbrüder“ braucht dergleichen nicht. Über ein Jahr lang suchte Regisseur Gerardo Olivares im andalusischen Naturpark Sierra de Cardena-Montoro nach geeigneten Kulissen. Einige Kritiker monieren, dass die Inszenierung ein bisschen an Walt-Disney-Produktionen erinnere – manchmal aber schreibt die Wirklichkeit eben Geschichten, die sich keiner je ausdenken könnte. Hochgelobt wurden die wirklich begnadeten Hauptdarsteller. Der kleine Manuel Camacho, der den jungen Marcos spielt, wurde sogar für den „Goya“, den spanischen Oscar, in der Sparte „Bester Nachwuchsschauspieler“ nominiert. Einzigartig sind die Szenen, in denen die Wölfe mitspielen. Denn diese werden in echten Interaktionen mit den menschlichen Darstellern gezeigt und nicht wie so oft in „Schuss und Gegenschuss“-Aufnahmen, die bemänteln sollen, dass die Protagonisten einander in Wirklichkeit nie begegnet sind. Von der Jury der Deutschen Film- und Medienbewertung erhielt „Wolfsbrüder“ das Prädikat „besonders wertvoll“.

Gastrolle für den „echten“ Marcos

Was aus dem wahren Marcos Rodríguez Pantoja geworden ist, nachdem ihn die Menschen in ihre Reihen zurückgeholt hatten, verrät ein Blick in die Literatur. Der Autor P.  J. Blumenthal hat Auszüge aus einem Tonbandinterview mit Marcos in seinem Buch „Kaspar Hausers Geschwister“ veröffentlicht. Fest steht, dass Marcos aus seiner Sicht nie zu einem „Tier“ geworden ist, sondern selbst sehr klar den Unterschied zwischen sich und seinen vierbeinigen Freunden sah. So sagte er von sich selbst, dass er sich den Tieren stets ein wenig überlegen fühlte, immerhin besaß er ein Messer und konnte Feuer machen. Der einzige, der mehr gekonnt habe als er selbst, sei der Adler gewesen. Auch seine Sprache hatte Marcos nicht vergessen, obwohl er sich nur an wenige Wörter erinnerte. P. J. Blumenthal zitiert ihn: „Ich wusste nicht, wie viele Dinge heißen. Ich wusste, dass ein Glas ein Glas ist und dass man es zum Trinken benutzt, aber ich wusste nicht, wie man es nannte.“ Unter den Menschen geriet Marcos zum Außenseiter. Er arbeitete auf dem Bau und war kurz beim Militär ehe er als Hilfsarbeiter in Hotels auf Mallorca jobbte. Einerseits sehnte er sich stets nach seinem Leben in der Sierra Morena zurück, andererseits war er nicht sicher, ob er die Einsamkeit dort nach seinen Jahren unter Menschen ertragen könnte. Denn Freunde hat er am Ende doch noch gefunden. In „Wolfsbrüder“ hat der echte Marcos am Ende des Films einen Kurzauftritt. Über die Verfilmung seiner Geschichte sagt er: „Der Film ist das Beste, was mir im Leben passiert ist. Er hat mir meine Würde zurückgegeben.“

Kinostart in Deutschland: ab 7. Juni 2012.

Und hier ist der „Wolfsbrüder“-Trailer von Polyband auf Youtube:

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