Einst waren sie die Könige der europäischen Wälder: Wisente, majestätisch und kompromisslos. Zu Gesicht bekommt man sie hierzulande fast nur noch in Wildparks.

Das größte Säugetier Europas hatte es in der Vergangenheit nicht leicht. Seine beeindruckende Gestalt und seine imposanten Hörner machten den Wisent zu einer begehrten Trophäe. Vor 100 Jahren gab es europaweit nur noch rund 54 Einzeltiere. Heute ist die Zahl auf ungefähr 4.500 angewachsen. In freier Wildbahn leben davon aber nur wenige. Einzigartig in Westeuropa ist deshalb ein Wiederansiedelungsprojekt, das Wisente im Rothaargebirge in Siegen-Wittgenstein wieder heimisch machen will. Die Region in Südwestfalen verfügt mit 70 Prozent Waldfläche über den größten Waldbestand in ganz Deutschland und optimale Lebensbedingungen für Wisente.

Ahnenforschung

Auch wenn er zu den Wildrindern gehört, ist der Wisent nicht der Stammvater der Kuh. Als deren Ahnen gelten bislang die Asiatischen Auerochsen. Der Grund für deren Domestikation war wahrscheinlich, dass sich die Auerochsen zähmen ließen, Wisente hingegen nicht. Selbst solche Tiere, die seit Generationen in Wildparks gehalten werden, bleiben Menschen gegenüber distanziert und misstrauisch. Dass Kühe und Wisente tatsächlich nur sehr entfernt miteinander verwandt sind, beweist eine interessante Tatsache: Wisente und Kühe lassen sich nur schwer miteinander kreuzen. Die männlichen Nachkommen sind zudem unfruchtbar. Besonders eng verwandt ist der Wisent, der auch als „europäischer Bison“ bezeichnet wird, mit dem „Indianerbüffel“ Nordamerikas.

Imposante Erscheinung

Wisente sind Herdentiere. Eine Herde zählt um die 20 Tiere und wird von einer Leitkuh geführt. Bullen wandern im Alter von ungefähr vier Jahren von der Herde ab und leben dann gern als Eremiten. Erwachsen sind sie dennoch erst mit etwa acht Jahren. Kühe sind deutlich kleiner als Bullen und wiegen im Schnitt rund 400 Kilo. Als fürsorgliche Mütter kümmern sie sich lange um ihren Nachwuchs. Sie erkennen ihre Kälber an deren Stimme, so wie die Kälber auch ihre Mütter anhand der Stimme identifizieren. Wisentbullen können gut 900 Kilogramm auf die Waage bringen, über drei Meter lang werden und eine Widerristhöhe von fast zwei Metern erreichen. Stattliche Burschen also, deren Jagd dem Adel einst einiges Prestige einbrachte. Nachgestellt wurde Wisenten aber auch schon bevorzugt in grauer Vorzeit. Denn einen großen Wisent zu erlegen, bedeutete Nahrung im Überfluss. Welch zentrale Rolle der Wisent in der Kultur der Jäger und Sammler spielte, zeigen eindrucksvoll die zahlreichen Höhlenmalereien, die Archäologen in ganz Europa entdeckt haben. Wisente zählen zu den Tieren, die die Steinzeitmenschen mit am häufigsten auf den Höhlenwänden verewigten.

Dickes Fell

Eine Besonderheit weist die Haut der Wisente auf: Sie ist im Bereich des mittleren Halsrückens sehr dick und extrem elastisch. Das beugt Verletzungen vor, denn Kämpfe zwischen den Bullen können erbittert sein, wenn sie auch selten vorkommen. Wissenschaftler haben beobachtet, dass die Tiere dabei oft schwere innere Verletzungen davontragen, die Haut jedoch nicht beschädigt wird. Zur Lieblingsspeise der Wisente gehören Gras, Zweige, Laub und Knospen. Zwischen 30 und 60 Kilo Futter vertilgt ein Wisent dabei pro Tag.

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