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Jeder kennt die Redensart „Ich hab schon Pferde kotzen sehen“. Sie wird benutzt, wenn zum Ausdruck gebracht werden soll, dass auch etwas Unwahrscheinliches in Betracht gezogen werden muss. So unwahrscheinlich eben, wie die Möglichkeit, dass sich ein Pferd übergibt. Und tatsächlich ist es für Pferde eigentlich nicht möglich sich zu erbrechen.

Die Einschränkung „eigentlich“ ergibt sich aus der Definition des Wortes „kotzen“ beziehungsweise „erbrechen“, die besagt, dass es sich um eine schwallartige Entleerung von Magen- oder Speiseröhreninhalt durch den Mund handelt. Dazu ist das Pferd tatsächlich nicht in der Lage. In den Fällen, wo der Nahrungsbrei dann doch wieder „nach oben“ wandert, handelt es sich bei Pferden eher um eine Art Überlaufen, wobei der Mageninhalt dann auch meistens aus der Nase und nicht über das Maul herausläuft.

Der Magen ist bei Pferden mehr oder weniger eine Einbahnstraße

Ein Pferdemagen ist für die Größe der Tiere erstaunlich klein und nur wenig dehnbar. Er hat lediglich ein Fassungsvermögen von 10-15 Liter und besitzt die Form einer gebogenen, dicken Bohne. Mageneingang und -ausgang liegen beide auf der oberen Magenseite recht nah beieinander und sind mit kräftigen Schließmuskeln ausgestattet. Dadurch wird sichergestellt, dass der Mageninhalt nur in eine Richtung, nämlich in Richtung Darm weiter transportiert wird.

Zuviel oder falsches Futter kann zur Magenüberladung führen. Dann bilden sich Gärgase und der Magen bläht sich auf. Der erhöhte Druck und die daraus folgende Formveränderung des Magens verursachen eine Verlegung des Magenausgangs und das Futter kann nicht mehr in den Darm überführt werden. Eine Entlastung über die Speiseröhre wird ebenfalls enorm erschwert, weil der kräftige Schließmuskel am Mageneingang den Rückfluss behindert. Schreitet die Gärung im Magen immer weiter voran, beginnt ein Teufelskreis, der dem Pferd erhebliche Schmerzen zufügt und unbehandelt mit dem Zerreißen des Magen und damit mit dem Tod für das Tier endet.

Gärgase können allerdings durchaus durch Rülpser entweichen. Oder es drückt sich der Futterbrei über die Speiseröhre heraus. Dann steht das Pferd mit gesenktem Kopf da und der Mageninhalt läuft meist aus den Nasenlöchern heraus, ohne dass wirkliches Erbrechen zu beobachten ist. Sehr ähnlich kann sich das Erscheinungsbild einer Schlundverstopfung oder anderen, sehr seltenen Krankheiten darstellen. Da es sich in allen Fällen um einen Notfall handelt, ist schnelles tierärztliches Eingreifen unbedingt notwendig.

Warum ist der Pferdemagen so sensibel?

Das Verdauungssystem der Pferde ist ein hochempfindliches und störungsanfälliges System. Grund dafür ist die evolutionäre Entwicklung. Pferde sind Fluchttiere und ernähren sich natürlicherweise von Gräsern und anderem energiearmen Futter. In der Natur verbringen sie bis zu 18 Stunden pro Tag mit der Futteraufnahme. Für diese stetige und portionierte Nahrungszufuhr ist das Verdauungssystem optimal angelegt. Es lässt genug Zeit für den Weitertransport im Magen-Darm-Trakt und belastet den Körper nie so sehr, dass die Möglichkeit zur Flucht eingeschränkt wäre. Kraftfutter und pferdeuntypische Futtermittel, wie Brot und Gemüsereste, müssen also mit stetiger Vorsicht und immer portioniert verfüttert werden.
 

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